Auf Wunsch eines einzelnen Herrn habe ich ein paar Gedanken zur gestrigen Episode 3.13 von Lost aufgemeiselt, womit gleich der übliche Hinweis auf Handlungsangaben unter dem Bild verbunden sein soll: weiterlesen auf eigene Gefahr!

Worum es geht, ist ganz einfach: was geht mit John Locke, was ist los mit ihm, warum handelt er so undurchschaubar? Wir haben hier eine Episode, in der Locke schnurstracks auf ein Ziel hinsteuert, in der er seine Wut zum Ausdruck bringt, in der er Schwätzchen mit Ben hält und er auf einen alten Geist aus seiner Vergangenheit trifft. Außerdem haben wir einen Flashback, der konsequent mit der Inselstory verwoben ist und die Inselhandlung tatsächlich einen Schritt voran bringt. Das ist nicht bei jedem Flashback der Fall, oftmals beziehen sich die Flashbacks “nur” auf die Verhaltensweisen der Losties und damit erzählerischen Parallelen zum Inselgeschehen. Ich will gleich noch vorneweg sagen, dass ich mit meiner Interpretation durchaus komplett daneben liegen könnte, denn auch mir sind nicht alle Beweggründe Lockes bewusst, ich glaube sogar, dass wir noch gar nicht alle Gründe so genau kennen. Das macht es etwas schwieriger, diese Episode einzuschätzen.
Als ich die Episode gesehen habe und Ben Locke über seinen Unfall ausfragte, kam mir der Gedanken, dass hier Locke eine zusätzliche Motivation vermittelt bekommt, auf der Insel bleiben zu wollen. Wir kennen bis jetzt den einen Grund, dass Locke unbedingt auf der Insel bleiben will, weil sie ihn geheilt hat und weil er hier seine Bestimmung finden möchte (man of faith). Er glaubt, sein Leben bekommt endlich eine Bedeutung und er findet zu sich selbst. Das heißt, er wird von der verlorenen Person (lost person), die er in der Vergangenheit war, wieder zu einer selbstbewussten, starken Persönlichkeit. Auf unterschiedliche Weisen unterliegen ja alle unsere Losties diesem Prinzip. Für Locke bedeutet das jedenfalls, dass er seine Geister aus der Vergangenheit überwinden muss. Er muss die Wut über seinen betrügerischen Vater, der ihm so viel Leid zugefügt hat, überwinden. Er muss die gestohlene Niere, das vorgetäuschte Begräbnis seines Vaters mit dem anschließenden Beziehungsabbruch zu Helen und nun den Stoß aus dem achten Stock durch seinen Vater im wahrsten Sinne des Wortes verkraften. Daraus speist sich meiner Ansicht nach ein wesentlicher Punkt in Lockes Motivation, das U-Boot zu zerstören: nicht nur will er unbedingt auf der Insel bleiben, weil sie besonders ist, er will auch so weit wie möglich von seinem Vater und der Außenwelt abgeschottet bleiben. Weil ihm sein Vater so viel Leid zugefügt hat, darf dieser nie erfahren, wo Locke ist, geschweige denn zu ihm einen Weg auf die Insel finden. Das würde bedeuten, dass Locke seinen Glauben wieder verliert und ihn die Insel deshalb bestrafen wird (beispielsweise, dass er nicht mehr laufen kann, wie es ihm schon einmal in der ersten Season passiert ist). Dass nun ausgerechnet sein Vater von den Anderen bereits auf der Insel gefangen gehalten wird, ist das ironische Spielchen, welches Ben mit ihm treibt. Das bedeutet, dass Lockes Vorgehen, das U-Boot zu zerstören und sich dadurch abzuschotten, so nicht funktioniert, dass es falsch war. Locke muss nun in künftigen Episoden einen anderen Weg finden, den Geist seiner Vergangenheit zu besiegen und seinen inneren Konflikt austragen.
Deutlich wurde in der vergangenen Episode bereits, dass Locke nicht mit auf die Mission gekommen ist, um Jack zu retten. Er verfolgte spätestens seit der Flame-Station einen eigenen Plan, weshalb er das Dynamit mitgenommen hat. Denn auf dieser Station hat er von dem U-Boot erfahren und er arbeitete zielgerade daraufhin, dieses zu zerstören. Diesen Plan hatte er schon, bevor die kleine Gruppe Otherville findet. Deshalb lässt er sich auch nicht ernsthaft von Ben manipulieren, wie Ben am Ende klar macht. Locke hat durch seinen Vater genug Erfahrung darin, wie die Betrügereien ablaufen, wie die Manipulationen funktionieren. Ich denke, er durchschaut Ben, weshalb er Alex Hinweis über dessen Manipulationsmacht später auch eher beiläufig aufnimmt. Was Locke im ersten Moment vermutlich noch nicht realisiert, wie gerissen Ben wirklich ist. Die Konfrontation mit seinem Vater hat Locke sicher nicht erwartet, weshalb das Psychospielchen zwischen Ben und Locke in dieser Runde von Ben gewonnen wird. Aber ich glaube, dass Locke noch ein paar Trümpfe in der Hinterhand hat, bei denen ich gleich mal auf einen eingehen werde…
Für interessant halte ich nämlich das Psychospielchen zwischen Ben und Locke unter dem Gesichtspunkt der Box, von der Ben erzählt. In Locke findet er jemanden, der sich der Fähigkeiten der Insel bewusst ist und der einen viel stärkeren Glauben an diese hat. Dieser Glaube an die Insel fehlt Ben mittlerweile, weshalb er hofft, in Locke einen Partner und Lehrer zu finden. Das wird deutlich darin, dass Lockes Heilungsprozess um ein vielfaches schneller ablief, als der von Ben nun nach seiner Operation. Ben weiß um Fähigkeiten der Insel, kann diese aber vermutlich nicht so nutzen, wie es für Locke der Fall ist und weshalb er mit der Box einen Köder für Locke legt. Nur dieser wirft Ben vor, zu betrügen, er nimmt Ben insofern nicht ernst, da Locke erkennt, dass Ben nicht den starken Glauben an die Insel und die Box hat. Locke wirft Ben vor, die Geschenke der Insel für seine eigene Bequemlichkeit (Häuser, Betten, Elektrizität und fließendes Wasser) zu missbrauchen. Hier bleibt allerdings immer noch unklar, was Locke darüber hinaus über die Insel und deren Fähigkeiten weiß. Trotzdem übertrumpft er Ben dadurch in diesem Moment, wobei er aber immer noch wütend über Ben ist. Ja, Locke kämpft auch hier mit seiner Wut und Frustration, die er schon in den Flashbacks so deutlich zum Ausdruck bringt. Locke hat immer noch nicht ganz zu sich gefunden. Anders aber noch als im Bunker in der zweiten Season hat sich Locke trotzdem schon etwas weiterentwickelt und er sieht ganz deutlich, was Ben vorhat. Auch was Bens manipulatives Gerede über das U-Boot betrifft. Für Ben ist es übrigens eine Strafe durch die Insel, an den Rollstuhl gefesselt zu sein, weil er keinen rechten Glauben mehr hat. Wobei er den Glauben noch nicht ganz verloren hat, sonst hätte ihm die Insel nicht den Spezialchirurgen Jack geschenkt.
Wenn aus der Box das heraus gewünscht werden kann, dann ist nun auch relativ klar, warum die Anderen so an den Kindern interessiert waren. Ein Kind mit unvorstellbarer Phantasie kann sich vermutlich alles herbeiwünschen, was es will und damit das Leben auf der Insel unberechenbar machen. Wir erinnern uns mal an den Eisbären, der Walt angegriffen hat, nachdem dieser ein spanisches Comic mit einem Eisbären zuvor gelesen hat. Das hatte ihm sein Vater weggenommen und Walt hat sich aus Wut das Comicheft oder gleich den Eisbären – natürlich unbewusst der Folgen – herbeigewünscht.
Was bleiben nun trotzdem für Fragen in Bezug auf Locke, die auch mich noch etwas an den Fingernägeln knabbern lassen? Zum einen fehlt meiner Ansicht nach noch eine Darstellung von Lockes vollem Verständnis der Insel. Jedenfalls bin ich hier noch nicht wirklich komplett durchgedrungen, wobei ja immer noch unklar ist, was Locke am Anfang von Season 1 da eigentlich im Dschungel gesehen hat. Das würde jedenfalls Lockes Beweggründe und seinen doch recht tiefen Glauben an das Schicksal verdeutlichen. Weiterhin fehlt mir Lockes Sichtweise auf die restlichen Losties und die Anderen. Will er gar nicht, dass unsere Losties gerettet werden oder warum verhindert er so vehement Versuche und Möglichkeiten zur Rettung (beispielsweise Sayid niederschlagen in Season 1, nun das U-Boot)? Sieht er in ihnen so etwas wie eine Ersatzfamilie oder sind ihm all die Leute schlichtweg egal? Das verstehe ich auch noch nicht ganz. Und schließlich natürlich, wie wird das Psychospielchen mit Ben weiterlaufen, kann Locke dem gerissenen Ben auf der Spur bleiben und seine manipulativen Machtspielchen weiter durchschauen? Wird er diesmal endlich in etwaiger Konfrontation auch seinen Vater übertrumpfen können, wozu er in der Vergangenheit nie fähig war? Oder passiert das Gegenteil und Locke erlebt einen neuerlichen Einbruch, einen noch stärkeren Test durch die Insel?
Das nenne ich mal Service!
Vielen Dank für die Einsichten. Ich glaube auch, dass die Figur von Locke noch einiges an Erfahrungen und Erlebnissen in sich trägt, von dem wir als Zuschauer noch nichts erahnen. Du sprichst ja schon seine Begegnung mit dem Inselmonster an, da liegt sicher ein weiterer Schlüssel, um Lockes Beweggründe zu verstehen.
Aber immerhin wissen wir jetzt seit dieser Episode, wie Locke in den Rollstuhl gekommen ist – diese Frage hat doch schon seit Ewigkeiten in jedem Lost-Fan herumgebohrt.
Hat Locke am Anfang von Season 1 nicht die Wolke im Dschungel gesehen? Die Frage ist dann natürlich, was er in der Wolke gesehen hat, was sie ihm gezeigt hat. Wenn dies der Auslöser für seine Handlungen gewesen sein soll, dann wäre er ja von Anfang an durch die Insel/Wolke/Dharma/Whatever manipuliert worden… es bleibt spannend!
Ich bin mir nicht ganz sicher, was Locke wirklich gesehen hat. In der Episode mit Eko in dieser Season sagt er, er habe ein strahlens weißes Licht gesehen.
Aus Auslöser würde ich übrigens den Moment bezeichnen, in dem er seine Zehen wieder bewegen kann. Anschließend muss ihm klar geworden sein, dass die Insel etwas besonderes ist. Deshalb glaube ich auch nicht an eine Manipulation, sondern eher an die Suche nach Erfüllung seiner Hoffnungen und seiner Bestimmung (was auch immer das ganz konkret sein mag…).
Finde ich sehr interessant die Idee mit der Box und den Kindern. Soweit habe ich noch nicht gedacht.
Also gehst du davon aus, dass Locke ziemlich stark an seinen Vater gedacht hat, gerade wegen der
Wut auf ihn, und dieser ist dann in dieser “Box” erschienen?
Ich hätte eher gedacht, dass die Box so etwas wie ein Austausch zwischen Insel und einer Organisation
o.ä. ist. Also das es Leute gibt die mit Ben in Kontakt stehen, aber nicht auf der Insel leben sondern
auf dem Festland. Diese haben dann den Vater aufgespührt und zu dieser Box gebracht.
Die “Box” verstehe ich mittlerweile als eine Metapher für die “Insel”. Die Insel ist es, die bestimmte Dinge möglich macht. Man darf sich das aber nicht so vorstellen, dass sie Leute herbeamt, sondern eher so, dass sie – irgendwie – bestimmte Einflussfaktoren zusammen führt, die dann dazu führen, dass Lockes Vater auf der Insel ist. Wie das genau funktioniert, weiß ich nicht, aber ich hoffe, dass die Autoren diesen Teil bis zum Ende der Serie noch ein bisschen ausbauen.
Aber der Gedanke, dass die Box eine Art Zugangsportal ist, ist vielleicht auch nicht schlecht. Es gibt ja einige Theorien, dass sich die Insel in einer anderen Zeitdimension befindet und man dann vielleicht nur über eine “Box” Zugang hat. Hm, aber dann würden Michael und Walt nicht ganz in das Schema passen, die ja von der Insel weggesegelt sind.